Lange Umsteigezeiten sind nichts, worüber man sich riesig freuen kann. Aber auch nichts, über das man sich ärgern sollte…

 

Gefühlt habe ich, so insgesamt gesehen, bereits viele Stunden an Bahnhöfen verbracht. Vom letzten Kaff mitten im Nirgendwo bis hin zum Großstadt-Gleis-Dschungel.

Die meiste Zeit davon nur, um umzusteigen, abzureisen oder anzukommen. Meist mit den Gedanken bei allem anderen, nur nicht bei dem Geschehen vor Ort. Ok – realistisch gesehen ging die meiste Zeit wohl dafür drauf, sich über die deutsche Bahn zu ärgern. Dabei, akribisch den Fahrplan zu studieren, um herauszufinden, wie man trotz des verpassten Anschlusszugs noch rechtzeitig am Ziel ankommt.

Aber dann letztens – also gestern – hatte ich noch eine Stunde Zeit bis zur Weiterfahrt und beschloss, diese vollen 60 Minuten einfach am Bahnhof zu verbringen. Die passende Bank mit größtmöglichem Überblick über das dortige Geschehen war schnell gefunden.

So ließ ich mich auf das Geschehen am Bahnhof einer großen Stadt ein und muss sagen: Es war mindestens genauso gut wie alles, was RTL und ProSieben bisher an Soaps zustande gebracht hat.

Liebende, die sich finden. Liebende, die sich verlassen. Neue Freundschaften, die geknüpft werden (trotz sinkender Raucherzahlen ist der beständige Hotspot hierfür immer noch der Raucherbereich) und jede Menge unterschiedliche Charaktere, die auf unterschiedliche Weise interagieren. Der entscheidende Faktor, der das alles zu einem spannenden Programm macht, ist die Zeit.

Denn keine der Begegnungen ist von Dauer.

Sie sind zeitlich begrenzt – begrenzt, bis man sich 10 Minuten vor Abfahrt gemütlich Richtung Gleis begibt oder eben 2 Minuten vorher hektisch losrennt. Nebenbei gesagt gehöre ich definitiv zu zweitgenannter Art Mensch… immer. Dieser unausgesprochene, aber allgegenwärtige Zeitdruck, der im Raum steht, macht viele zwischenmenschliche Interaktionen direkter, einfacher, ehrlicher und irgendwie konzentrierter. Sirup statt Saftschorle – wenn ihr wisst, was ich meine. Schließlich bleibt beim Einfahren des ICEs keine Zeit, um drum herumzureden, wenn sie ihm sagen will, was sie fühlt. Eine Umarmung ist inniger, weil sie oftmals mit einem Abschied verbunden ist. Oder einem Wiedersehen. Blicke tiefer.

Klar gibt es da immer noch die konstante Masse der Durchreisenden, die nur von A nach B strömt und sich mit nichts als ihrem Smartphone beschäftigt. Aber die sehen wir an dieser Stelle als Statisten, die es eben für eine gute Szene braucht.

Und genau deshalb sollten wir hin und wieder mehr Zeit an Bahnhöfen verbringen. Denn wo lernt man mehr über Menschen, als beim Beobachten der gegenseitigen Interaktion unter Zeitdruck am Gleis?

1 Antwort
  1. Ben
    Ben sagte:

    Das TV Programm von RTL und Pro7 hat sich gefühlt halt auch nicht geändert in den letzten 10 Jahren. Simpsons, Galileo und dann die Prime Time. Selbst nach der Prime Time vermag sich einer den Kalender zu stellen. Ich frag mich als wirklich, wer schaltet überhaupt noch zu solchen Sendern?

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